Die Geburtsstunde der Rebolution

Rebolution

Wie die Idee der Rebolution entstand. Erzählt von Giancarlo Biscardi

Situation: Männer-Abend im Gianoli.
Anwesende: Nico Medenbach und Giancarlo Biscardi
Grund des Ereignisses: Guten Wein trinken, reden, klugscheißen.

Wie könnte man eine Spontan-Degustation besser beginnen als mit Nicos „Wein des Jahres“ 2013, dem 2009er Domain Gourt de Mautens aus dem Rasteau, einer AOC der südlichen Rhône. Zuerst blieb dieser Wein etwas verschlossen und wirkte „unrund“, doch – um es vorweg zu nehmen – es lohnt sich zu warten. Man könnte fast sagen, dass die Oxidation in diesem Fall wahre Wunder bewirkte. Der erste, verschlossene Eindruck verschwand nach und nach und der Wein wurde größer und größer, öffnete sich und gab immer mehr preis. Schlichtweg ein Ausnahme-Wein. Doch um sich nicht ganz der Weinphilosophie hinzugeben, dient die detaillierte Beschreibungen unter drunkenmonday.de als Wegbegleiter um diesen fantastischen Wein in seiner ganzen Fülle und Größe zu erkunden.

Spontan-Degustation war also das Motto. Wir gerieten – wie soll es anders auch sein – ziemlich schnell ins Wein-Philosophieren, Wein-Diskutieren und Wein-Debattieren. Dabei konnten wir uns herrlich über die Macht der großen und einflussreichen Weinkritiker und die Entwicklung derer angepriesene Top-Weine dieser Welt aufregen, dass wir spontan das „Spontan“ an diesem Abend weg ließen. Aufhänger unserer Weindebatte war die scheinbar willkürliche, auf sich ähnelnde Stilistik basierende Vergabe von 95 und mehr Punkten.
Die Luft zwischen 95 und den perfekten 100 Punkten wird immer dünner. Was muss ein Wein haben um konsistent diese Sphären bei Parker, Sucking und co. zu erreichen? Witziger Weise scheinbar alles das, was wir nicht so gerne mögen und auch des Öfteren gern als Mainstream oder Coca Cola Weine (fett, marmeladig, süßliches Tannin und mit Frucht und Alkohol überladen) verschrieen! Gefällig, weich, rund, zugleich leicht zugänglich, berechenbar und vor allem langweilig!

Ist das die Formel für 95+? Wenn das so ist, bleiben wir lieber bei 92 Punkten stehen und sparen uns den Aufschlag für die Önologische Schönheits-OP.

Einmal in Rage geredet blieb uns nichts anderes übrig wie einen solche hoch bewerten Wein aus dem feindlichen Lager direkt zu öffnen. Schön dass ein 2011er Redigaffi von Tua Rita (aktuell 99 Punkte von James Suckling) aus der Toskana gerade zur Hand war. Redigaffi gehört laut Mister Suckling zu den drei besten Weinen Italiens der letzten zehn Jahre. Das ist doch mal ein Wort. Ich persönlich durfte im November 2013 bei einer Vertikalprobe von Redigaffi (Jahrgänge 2004-2010; 94-97 Punkte) dabei sein. Selbst redend war ich von den rhetorischen Künsten von Stefano Frascolla (Inhaber von Tua Rita) über Wein, Landschaft und Geschichte schwer beeindruckt. Zwischen den gut verkauften Illusionen und Tagträumen probierten wir die nicht dekantierten Weine aus einem viel zu kleinen Bordeaux-Glas. Diese Weine klebten förmlich im Glas und bis heute im Gedächtnis. Dabei war weniger der Wein selbst, sondern das Zusammenspiel aus stilvollen Ambiente, die romantisch umschriebenen Landschaftsbilder und die gesellige Runde der Grund für diese Beeinflussung. Oh Gott, ich bin so manipulierbar! Doch nun genug von einflussreichen Illusionen. Zurück zum Wesentlichen.

Redigaffi 2011, 100% Merlot, 99 Punkte von James Suckling. Nico öffnete ihn ehrfürchtig und avinierte Dekanter und Gläser. Diesmal waren es auch die Großen. Der erste Eindruck war einfach „WOW“. Es war kaum zu glauben! Ein großer Merlot, so zugänglich und offen in so jungen Jahren?! Naja, die ordentliche Portion Vanille am Gaumen irritierte ein wenig, da sie eine Süße assoziierte, die der Wein eigentlich nicht hatte. Diese Übermacht an Vanille versuchten wir mit der Jugendlichkeit des Weines zu entschuldigen, da das Holz noch nicht richtig eingebunden schien. Doch die Gaumen-Surprise-Show setzte sich fort: Vollreife Kirschen und Feigen, extrem weiche Tannine, ein Hauch von Schokolade und Röstaroma inkl. toller Länge. Trotzdem: diese Vanillenote wirkte zunehmend störend und fast schon künstlich aufgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt versprachen Körper und Struktur: Dieser Wein wird ein Knaller. Also widmeten wir uns wieder dem 2009er Gourt de Mautens, welcher einfach nicht aufhören wollte besser zu werden. Unserem Redigaffi gönnten wir etwas Ruhe und Zeit sich im Dekanter zu entfalten.

Eine halbe Stunde später: Scheiße, was war mit dem 2011 Redigaffi passiert?

Die Tannine wirkten unreif, ja schon fast leicht grün. Die nervige Vanille wurde mehr und mehr dominant. Da man den Tag nicht vor dem Abend loben soll, gingen wir von der Toskana zurück an die Rhône. Zwischen unserem Länderwechsel probierten wir noch die Reste eines 2005er Syriacus aus Kampanien, welcher uns trotz 2 Tage Sauerstoffzufuhr immer noch extrem beeindruckte.

Doch in der Toskana bröckelte die Fassade.

Nach zwei Stunden im Dekanter fiel unser 99 Punkte Merlot förmlich auseinander. Er wurde schlechter und schlechter! Erklärung? Fehlanzeige! Entsetzen machte sich breit und stachelte uns zu bösen Vergleichen mit stark geschminkten Frauen an. Die Vanille war einfach nur noch nervig, Alkohol und Frucht hatten sich getrennt. Der Wein stand absolut neben sich und hatte mit Harmonie oder Balance nichts mehr am Hut. Wir wollten und konnten das so nicht mehr weiter trinken. Also ging es für den verstreuten Redigaffi zurück in die Flasche. Am nächsten Morgen (ca. 14 Stunden nach Öffnung) ein letzter Versuch die Punkte, Qualität und Preis des Weines zu rechtfertigen. 99 Punkte, zeig es uns Baby!

Uarx.

Dieser „Duft“! Azeton, Krankenhausflur und thailändisches Kunstnagelstudio. Furchtbar. Zum Glück gab es am Gaumen davon wenig zu schmecken. Außer Vanille, Röstaroma und ein Hauch von Schokolade blieb nichts mehr übrig. Das Ganze vermischte sich zu allem Überfluss noch mit grünem und unreifem Holz. Super. Wofür also die 99 Punkte und 170 Euro Flaschenpreis? Für einen Wein, der frisch geöffnet überzeugt und dann nach 30 Minuten belegbar auseinander fällt?

Das kann es doch nicht sein.

Auch wenn der Initiale Probierschluck eine 9x Bewertung rechtfertigen würde, die Performance über den Abend war mehr als bedenklich. Zumal war der direkte Vergleich zu dem Gourt de Mautens erschreckend. Obwohl (oder vielleicht „auf Grund“) nur 92 Punkten überholte unser Rhone Ranger den Redigaffi bereits nach wenigen Minuten im Direktvergleich.

Dieses fast schon schockierende Erlebnis war die Geburtsstunde von Rebolution – einer Plattform für authentische und nicht nur für die Verkostung „gepimpte“ Weine.

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