Die Kunst und der Genuss des Wartens

Acconero Bricco Battista Rieserva

„Der muss noch reifen“. „Der braucht Luft“. „Den haben wir 5 Jahre zu früh aufgemacht.“ Kenne wir alle. Doch warum muss eigentlich Wein reifen?

Bevor wir euch jetzt mit Mikro-Oxidation, langkettigen Polyphenolen und all dem langweilen, was da so biochemisch über die Jahre hinter dem Korken so passiert, habe wir einfach einmal von dem gleichen Wein 6 verschiedene Jahrgänge aufgemacht. Einfach mal so. Um zu verstehen warum Wein reifen muss. Oder auch nicht. Oder vielleicht doch unbedingt?

Sicher gibt es hier keine generelle Antwort ob Wein reifen muss. Dafür gibt es viel zu viele unterschiedliche Stile. Unser Anschauungsbeispiel, der Barbera Superiore “Bricco Battista Riserva” von Acconero aus dem Piemont muss unbedingt reifen. Doch wieso? Lest es selbst. Oder noch besser: probiert es selbst!

Acconero Bricco Battista Rieserva Vertikale

Wir sitzen vor den Jahrgängen 2011, 2006, 2005, 2004, 2001 und 2000 des oben beschriebenen Weines. Dankenswerterweise hat Ermano uns diese Vertikalen zum Freundschaftspreis überlassen. Lernen sollen wir. Lernen warum sein Barbera Superiore “Bricco Battista Riserva” unbedingt reifen muss. Somit stoßen wir also mit dem jüngsten Wein, dem 2011er an. Die Gläser klirren, der Wein betritt unseren Geschmackskorridor und die Gesichter verziehen sich synchron. Harter Tobak, dieser 2011er. Gerbstoffe (kurzkettig), Säure und kostspielige Eichenholz-Behandlung hinterlassen eine Spur der Verwüstung auf unseren Zungen. Das kann und sollte man jetzt noch nicht trinken. Schluss-Ende-Aus. „Der brauch noch 5 Jahre“.

Gut das der 2006er Barbera Superiore “Bricco Battista Riserva” genau diese 5 Jahre mehr auf dem Buckel. Und siehe da: 5 Jahre später ist alles besser. Aus dem buckeligen Sorgenkind ist der strahlende Teenager geworden. Dieser weiß genau um sein Potential und schenkt uns mit feuchtem Waldboden und getrockneten Kräuter ein Lächeln ins Gesicht. Die Frucht ist noch etwas verspielt („der braucht noch 1 Jahr“), aber dennoch sind wir richtig happy mit dem Ergebnis. Das Warten hat sich gelohnt.

Spätestens beim 2005er grinsen wir bis zu den beiden Hörorganen. Auch die Frucht wurde erwachsen und alle am Tisch sind sich sicher: wir haben den vollkommen Barbera entdeckt. Der Wein kuschelt sich förmlich an unsere Geschmacksknospen und schafft ein „wir sind angekommen“ Gefühlt, welches sich im Geiste ausbreitet. Doch es kommen ja noch drei ältere Jahrgänge.

Und es kam wie es kommen musste. Mit dem 2004er wurden wir nicht warm. Nicht einmal lau. Egal ob Jahrhundert- , klassischer oder Durchschnittsjahrgang, der 2004er Barbera Bricco Battista konnte unsere Erwartungen geraden nach den Galavorstellungen des 2005er und 2006er durch nicht vorhandener Harmonie und jugendlicher Säure nicht erfüllen. Irgendwie zwei Schritte vor und einen zurück. Wie gut das da noch zwei ältere Modelle auf uns warteten.

Der 2001er bewegte sich zur unserer Freude immerhin wieder auf der Stelle. Im Alter wird man bekanntlich weiße, auch wenn das die eigenen Kinder nicht immer hören wollen. Somit konnten wir dem „in Würde gealterten Wein“ durchaus seinen Reife und Charme verzeihen und freuten uns einen feinen, 14 Jahre alten Barbera mit Genuss und Hochachtung trinken zu dürfen. Und da die Hoffnung bekanntlich ja zuletzt stirbt, hofften wir mit dem 2000er versöhnlich den Abend ausklingen zu lassen.

Von wegen. Halleluja!

2000 Acconero Barbera Bricco Battista Riserva

Durch die Mikro-Oxidation werden im Laufe der Zeit die kurzen und für uns am Gaumen „trockenen“ Polyphenole (u.a. Gerbstoffe) zu langen und für uns Menschen „weichen“ Ketten vereint. Dieses bio-chemische Wunder der Natur hat der 2000er Barbera Bricco Battista Riserva von Ermano Acconero mit 1+ und Sternchen absolviert. Wir erlebten eine Welt-Engels-Konferenz auf unseren Zungen. Barbera in Perfektion. Großer Wein in Perfektion. Harmonie, Balance, Länge, Körper, Ausstrahlung – viel mehr kann man sich in einem Rotwein mit 15+ Jahren kaum wünschen. Sexy, authentisch, nachhaltig, BÄM. Einer dieser 10 von 10 Punkten Weinen die es einfach viel zu selten gibt, weil man sich immer wieder den aktuellen (2011er) Jahrgang rein quält und seinen schlauen Sprüchen (der braucht noch 15 Jahre) keine Umsetzung schenkt. Danke Ermano solche Weine in (zwar kleinen) Mengen zurückzuhalten und den Kunden die Contenance und Geduld erspart, über Jahre die Finger von solchen Weinen zu lassen. Ein Wein-Erlebnis. Und was für eines!

Ermano Acconero (Links)

Brüder im Geiste: Ermano Acconero (Links) und Giancarlo (Rechts).

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