Marco Parusso in: Der Million Euro Hektar Schaumwein

Oder: Wie ein Barolo durch eine Verknüpfung von Zufällen ein außergewöhnlicher Schaumwein wurde. Parusso Metodo classico

Parusso Metodo Classico Nebbiolo Brut

Marco Parusso? Nie gehört? Vielleicht einer der größten vinophilen Spinner im italienischen Winzer-Business überhaupt. Das mal so vorne weg als Einleitung. Für ihn ist das womöglich ein Riesenkompliment. Doch alles der Reihe nach.

Es war einmal eine zufällige Begegnung. Diese war schuld daran, dass Marco Parusso überhaupt Winzer wurde. Denn Ende der 70er lag der Piemont brach. Die lokale Weinwelt bestand fast nur aus großen Abfüllern oder anderen abhängigen Weinbauern, welche man regelrecht am langen Arm verhungern ließ.

Armando Parusso (Marcos Papa) wollte wie jeder Vater für seine Kinder nur das Beste. Alles, nur keiner dieser abhängigen Landwirte sollten sie einmal werden. Bei Marcos älteren Geschwistern setzte sich der väterliche Wunsch gänzlich durch. Doch Marco studierte dennoch Önologie. Das Studium alleine brachte ihn aber nicht weiter. Die Gefahr lag nahe, wieder in den Abhängigkeitsstrudel der Abfüller zu geraten. Also suchte er nach einer Alternative zum Weinbau.

Revoluzzer-Rettung

Den ersten massiven Pfeiler setze sein älterer Bruder, der als Ingenieur arbeitete und ihm zwei Revoluzzer des Weinbaus vorstellte. Einer von ihnen war Aldo Clerico, der andere Alfredo Roagna. Beide überzeugten Marco davon, trotz aller Widrigkeiten weiter Wein zu machen. Die Begeisterung in ihm war wieder geweckt und der Wille stark wie nie.

Den zweiten und wichtigsten Pfeiler setzte ein befreundeter Schweizer Arzt, der Marco mit in das Burgund auf eine Weinreise nahm. Diese Reise machte ihm schlussendlich klar, welches Glück vor seiner Haustür lag. Es waren 2 Hektar beste Barolo-Lagen, welche Marco von Fügung und seinem Segen überzeugten. Also machte Marco Parusso Wein. Nicht irgendeinen Wein. Seinen Wein, welcher (wie durch einen Zufall) zu den besten Barolos zählt. Das nennt man wohl Schicksal, oder wie Kant es ausdrückte: „Der Ziellose erleidet sein Schicksal – der Zielbewusste gestaltet es.“

Neunzehnhundertsechsundachtzig

Der erste Jahrgang? Natürlich im Katastrophenjahr 1986.

Wenn die Worte „hätte schlimmer kommen können“ nicht zutreffen, reden wir wohl von Marco Parussos erstem eigenem Jahrgang. Wir schreiben das Jahr 1986. In Tschernobyl fliegen uns dank Super Gau die radioaktiven Teilchen um die Ohren und in Österreich wollte in diesem Jahr wegen des Methanol-Skandals kein Mensch mehr Wein kaufen, geschweige denn trinken. Doch als ob dies nicht schon genug ist, hagelte es Ende Mai im Piemont so heftig, dass ein Großteil der Ernte zerstört war. Für die Piemonteser Weinwelt ein klimatisches und wirtschaftliches Desaster.

Doch wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich meist auch eine neue. So geschah es auch im Piemont. Der 86er Hagel wurde zum Unglück der großen Abfüller und zur Geburtsstunde einer neuen Winzergeneration. Jungfräulich und voller Tatendrang. Nun konnte Marco Parusso nichts mehr stoppen.

Die Gegenwart. Oder, wie kommt man zu einem „Barolo Brut“?

Der Weg bis zur Geburt des Schaumweines „Parusso Metodo classico“ war lang und kompliziert. Doch wie kommt man eigentlich dazu, aus Nebbiolo-Trauben der besten Barolo-Lage einen Schaumwein nach Vorbild des Champagners zu machen?

Gut, man benötigt erst einmal passendes Traubenmaterial mit feinen Gerbstoffen und nötiger Säure. Check.

Doch der Hauptgrund für Marco sich an den Schaumwein heranzutrauen war ein Buch, welches er im Jahr 2008 geschenkt bekam und im Sommer 2009 regelrecht verschlang. Besonders die Story über Carlo Gancia, welcher sich Mitte des 19. Jahrhunderts in die Champagne aufmachte um die Schaumweinherstellung nach der „Méthode champenois“ (zweite Flaschengärung) zu erlernen, tat es ihm an. Denn es war ein Schaumwein aus Nebbiolo, welchen Carlo Gancia faktisch als ersten „Champagner Italiens“ vinifizierte.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatten französische Önologen festgestellt, dass sich die Rebsorte Nebbiolo hervorragend zur Schaumweinherstellung eignete. Sie importierten diese Traubensorte und pflanzten sie in der Champagne an. Nur schien es so, als sei diese Rebsorte eher eigenwillig und heimisch veranlagt, sodass sie dort kaum gedeihen vermochte. Doch noch erstaunlicher war für Marco die Tatsache, dass Carlo Gancia nicht Saccharose für die zweite Gärung in der Flasche verwendete, sondern Traubenmost von der Rebsorte Moscato hinzugab. Auch Marco fand Gefallen daran, diese verlorengegangene Methode wiederzubeleben.

Marcos Gier Schaumwein herzustellen war endgültig geweckt. Doch wie konnte er „seinen Schaumwein“ herstellen? Ein nostalgisch-innovativer Schaumwein aus dem Barolo?!

Der nächste Zufall.

Zufällig ließ Carlo Gancia damals seine Trauben einige Zeit ruhen, bevor er diese abpresste. Auch Marco verwendete diese Technik schon seit Jahren. Seine Trauben verbringen um sich vom Lesestress zu entspannen eine Woche und mehr im Kühlhaus. Ein weiteres magisches Band zwischen Marco und Carlo war gespannt. Es konnte also losgehen mit dem Abenteuer Schaumwein.

Im Jahre 2009 begannen langsam die Vorbereitungen für das große Barolo-Nebbiolo-Bubbles-Abenteuer. Potentielle Parzellen, Fässer und Hefen wurden selektioniert. Und wie es der Zufall (schon wieder) so will, züchtete Marco seit längerer Zeit seinen eigenen Hefestamm. Er nennt sie liebevoll Mutterhefe. Somit war ein wichtiger Bestandteil gegeben, dass auch der Schaumwein den Charakter der Parusso-Weine erben würde.

Ein großer Dank geht an die engstirnigen Schaumweinhersteller in Marcos Bekanntenkreis. Allesamt bliesen sie in dasselbe Horn: „Vergiss es. Mit dieser Rebsorte und den überalterten Methoden gewinnst du keinen Blumentopf.“ Er sollte einfach aus der Lage Bussia hochpreisigen Barolo herstellen. So wie das alle anderen auch tun. Warum denn dieser Aufwand? Doch Marco hat noch nie einen „Barolo“ produziert. Er macht seit eh und je „seinen Wein“, welcher zufällig ein Barolo ist.

Doch sein Ehrgeiz siegte.

Mitte September 2010, als der Zuckergehalt des Mostes ca. 11 Volumen Prozent Alkohol prognostizierte, (bei der Schaumweinherstellung nach der Méthode Champenoise sollte der Alkoholgehalt immer ein wenig niedriger sein, da bei der zweiten Gärung in der Flasche noch ein 1 bis 1.5 % Alkohol hinzukommt) war es soweit: Die erste Lese für die Schaumwein Trauben stand an. Auch hier blieb er seinen Prinzipien treu. Vor dem Abpressen ruhten die Trauben eine Woche in gelöcherten Holzkisten.

Um an das „Herz der Frucht“ für den Bubble-Grundwein zu kommen, lässt Marco die Trauben sich selbst abpressen. Das funktioniert recht einfach. Man gibt das Traubengut in einen Behälter mit einem Ausfluss am Boden. Durch das Eigengewicht pressen sich die entspannten Trauben von selbst. Da er aber nicht die gesamte Menge des leicht roséfarbenen Mostes für sein Experiment benötigte, entstand als kleiner Nebeneffekt der heute bekannte und geliebte Parusso Vino Rossato.

Die erste Gärung fand ausschließlich mit seiner eigenen Hefe teils im Holzfass und teils im Stahltank statt. Die Suche nach der passenden Dosage dauerte nicht lange. Seit 2003 produziert Marco einen Passito(Süßwein) aus Nebiolo-Trauben, genannt Parüss Dolce. Dessen Most besitzt dank einer 40-tägigen Trocknung der Trauben eine unglaubliche Konzentration und Aroma. 25 Gram des Dolce Mostes kommen als Dosage in die Spumante Flaschen. Oben drauf gibt es sogar noch ein paar extra Tropfen Barolo Bussia Riserva d’Oro. Einfach nur so. Marco eben.

Parusso Metodo Classico Nebbiolo Brut

Abwarten.

Danach wird es erst einmal etwas ruhiger. Zwischen 30 und 35 Monate liegt der Schaumwein auf Hefe. Alle 3-4 Monate wird die Flasche per Hand gedreht. Die Vorteile sind schnell aufgelistet. Durch die lange Lagerung auf der Hefe erhält er seine Cremigkeit, entwickelt Reife und gewinnt an Länge und Komplexität. Genug Säure und Tannin-Struktur bringt der Nebbiolo ja von Haus aus schon mit.

Sicher hat Marco Parusso das Schaumwein-Rad nicht komplett neu erfunden. Dennoch hat er beim Kreieren dieses Spumantes seine eigene Methode entwickelt, welche dieses Produkt so authentisch und besonders macht. Ein Resultat, getrieben von seinem unbändigen Ehrgeiz, seinen eigenen Weg zu gehen.

Danke lieber Marco für diesen fantastischen Schaumwein, welcher sich hinter keinem anderen dieser Welt verstecken muss. Im Gegenteil, er wird stets durch seine Eigenwilligkeit und Einzigartigkeit herausstechen. Ein rebolutionärer Wein durch und durch.

Parusso Metodo Classico Nebbiolo Brut

Doch nun endlich: Der Wein!

Rebolutionsbewertung Parusso Metodo classico

Authentizität: 3/3 – Einzigartiger Stil, doch dabei ur-authentisch. Nebbiolo als Schaumwein, der seine Herkunft und die Handschrift des Winzers transportiert. Hier wird ein Barolo Brut geschaffen, der als Messlatte für das steht, was da eventuell noch kommen mag.

Nachhaltigkeit: 3/3 – Er besitzt einen Reisefaktor wie kein zweiter Schaumwein und setzt sich als Inbegriff des Barolo Schaumweines im Hirn fest. Auch der Geschmack heftet sich ewig lang im Mundraum fest. Dass dieser Schaumwein auch noch ein paar Jahre in der Flasche reifen kann, ist auch klar. Marco lässt sogar eine Riserva Variante von 400 Flaschen pro Jahrgang erst nach 10 Jahren auf der Hefe auf den Markt kommen.

Sexappeal: 3/3 – Die Farbe, die Nase und der Geschmack bilden eine perfekte Symbiose aus einem herausragenden Schaumwein und einem großen Barolo. Ein Barolo, der auf der Zunge tanzt – wenn das nicht sexy ist sollten wir unseren Job wechseln. Mach auf die Flasche!

BÄM: 1/1 – Logo – aber sowas von!

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